Das beste Spiel des Jahrzehnts

The Last of Us: Eine Frage des Charakters

Kommentar
The Last of Us Part II
Status: Veröffentlicht
Release: 19.06.2020
The Last of Us
Status: Veröffentlicht
Release: 06/2013

Was macht Spiele wie The Last of Us so großartig? Was braucht ein Videospiel, um lange in Erinnerung zu bleiben?

Wer derzeit durch die Games-Medienlandschaft zieht, bekommt vor allem Multiplayer-Spiele und natürlich Battle Royale vorgesetzt. Jeder noch so kleine Pups dieser Hype-Spiele wird zigfach in News und über Social Media verwurstet – und mittendrin floppen Spiele von ehemaligen Spitzenstudios (BioWare) durch den durchkalkulierten Verlust ihrer Alleinstellungsmerkmale (Story & Charakterzeichnung).

Zwischendurch erklären renommierte Autoren der Spielebranche, dass es heutzutage immer schwieriger wird, für gute Singleplayer-Spiele Geld aufzutreiben. Das passt in eine Welt, in der die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen immer weiter abzunehmen scheint, in der wir immer stärker in Arbeit und Alltagsangelegenheiten eingebunden werden und dementsprechend immer weniger Zeit für Hobbys und für Spiele haben.

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Welche Spiele bleiben in Erinnerung?

Doch wenn ich ganz genau darüber nachdenke, welche Spiele mir in Erinnerung geblieben sind oder von welchen Spielen ich auch nach vielen Jahren noch regelmäßig rede, dann fällt auf, dass es nicht die (halb-)jährlich wiederkehrenden Serien sind, nicht die Hype-Spiele mit verhältnismäßig kurzfristiger Halbwertszeit.

Mal wurden ein paar Jahre alle paar Monate neue MMOs auf den Markt gebracht, dann waren es die Zombie-Survival-Spiele, die die Schlagzeilen beherrschten. Natürlich habe ich sie alle gespielt, aber sie haben sich nicht in mein Gedächtnis eingebrannt.

Stattdessen erinnere ich mich an Spiele wie Baldur‘s Gate, Planescape Torment, Gothic, Half Life 2, die Mass Effect-Trilogie, Dragon Age: Origins, die Witcher-Reihe mit dem grandiosen dritten Teil, einige GTA-Spiele, Pathfinder: Kingmaker und The Last of Us (sowie noch eine ganze Reihe mehr). Warum gerade diese Spiele, warum nicht irgendwelche MMOs, die ich viel länger gespielt habe?

The Last of Us – Charaktere machen Spiele

Ich habe vor kurzem gemeinsam mit meiner besseren Hälfte endlich Zeit gefunden, The Last of Us durchzuspielen. Wir haben die spannende Reise von Ellie und Joel in verhältnismäßig kurzer Zeit „durchgesuchtet“ und von Anfang bis Ende mitgefiebert.

Nun ist das Setting des Spiels, eine durch einen Virus ausgelöste Postapokalypse, nicht wirklich neu. Auch sorgt das (meistens sehr spannende!) Gameplay durch regelmäßig wiederkehrende Elemente für häufige Wiederholungen. Sich durch Clicker-verseuchte, halbverfallene Gebäude zu schleichen oder gegen wildgewordene Hunter zu kämpfen, beinhaltet nun mal immer die gleichen Spielabläufe.

Die Clicker in The Last of Us sind mutierte Menschen, die nichts mehr sehen – aber dafür umso besser hören. © Naughty Dog

Doch das tut dem Spiel absolut keinen Abbruch. Denn die Meisterleistung dieses Spiels besteht nicht nur in der glaubwürdigen Welt, die eine fantastische Atmosphäre mitbringt: Sie besteht vor allem in der absolut großartigen Charakterzeichnung innerhalb einer durchdachten und sorgfältig inszenierten Geschichte.

Durch Charakterentwicklung entsteht Beziehungstiefe

Die Entwicklung der jungen Ellie in der ersten Hälfte des Spiels, die langsame Annäherung an Vaterfigur Joel sowie dessen Wandlung vom genervten Einzelkämpfer zum Beschützer (und Vater) wurde von Entwicklerstudio Naughty Dog perfekt orchestriert. Es gibt keine Längen in der Geschichte, es geschehen immer wieder überraschende Dinge und die gesamte Zeit bleiben die Charaktere authentisch.

Emotional aufwühlende Momente sorgen immer wieder für Sternstunden, an die ich mich noch lange erinnern werde. Wenige Spielerlebnisse sind so befriedigend, wie Ellie mit vollster Verachtung „Arschloch“ sagen zu hören, nachdem sie einem fiesen Hunter das Licht ausgeknipst hat.

Nachhaltiger Eindruck durch Authentizität

Darüber hinaus werden in den Zwischensequenzen und Gesprächen feine Charakter-Nuancen deutlich, über die ich eine Beziehung zu den Charakteren aufbaue. Dazu gehören beispielsweise Joels Reaktionen auf andere Menschen oder Ellies unbedingte Loyalität hinter der leicht rebellischen Teenager-Fassade. Das wirkt echt, das kann ich nachvollziehen, das passt ins Gesamtbild.

Dieselbe Sorgfalt haben übrigens auch die Nebencharaktere des Spiels erhalten. Es gibt hier keine Abziehbilder, nur Persönlichkeiten.

Ellies und Joels Authentizität in Verbindung mit einer nahezu perfekt inszenierten Geschichte machen The Last of Us so bemerkenswert. © Naughty Dog

All das sorgt dafür, dass ich während des Abspanns darüber nachdenke, was ich da eigentlich erlebt habe. Ich bin beeindruckt, möchte gern mehr mit den beiden erleben, sie noch besser kennenlernen, wissen, wie die Geschichte weitergeht.

Diese Tiefe haben Spiele, die nach Schema F aufgebaut sind, seit Jahren die gleichen Missionen und Quests vorsetzen oder auf schnelle Action setzen, nicht.

Videospiele: Meilensteine im Lebenslauf

Multiplayer-Spiele haben ihre volle Berechtigung und machen viel Spaß. Fast Food ist immer mal geil, aber es sättigt nicht dauerhaft. Multiplayerspielen fehlt – abgesehen von einigen großen MMOs – fast immer diese emotionale Tiefe, die nur gute, durchdachte Singleplayer-Spiele bieten können.

The Last of Us ist ein Spiel mit Langzeitwirkung. Das ist es aber nur geworden, weil auf Story und Charakter ganz viel Wert gelegt wurde.

So entstehen für mich Erinnerungen, die bleiben und auch Jahre später noch ein gutes Gefühl hinterlassen. Wenn mich heute jemand nach den Meilensteinen meines bisherigen Lebens fragt, dann finden sich darin diverse Videospiele, und zwar überwiegend Spiele, die durch Story und Charaktere glänzen. Diese Spiele haben eine Substanz, von der meine Erinnerungen heute noch zehren.

The Last of Us ist ein solcher Meilenstein. Ich hoffe, The Last of Us 2 wird genauso gut. Und ich hoffe, dass auch Squadron 42 eine bewegende, außergewöhnliche Singleplayer-Erfahrung wird.

Was bleibt, ist Geschichte

Battle Royale ist gerade der heiße Scheiß und „Games as a Service“ sowohl Schlagwort als auch Zukunftshoffnung der Publisher und Entwickler. Multiplayer ist der neue heilige Gral der Branche, aber ich bin der Meinung, dass die besten Spiele immer noch die mit Charakter(en) sind. Ich liebe gute Geschichten und hervorragend ausgearbeitete Figuren und ich weigere mich zu glauben, dass schnelle Shooter-Runden das Non-Plus-Ultra der Zukunft von Videospielen sein sollen.

Wobei: The Last of Us hat sogar einen Multiplayer-Modus.

Im Kampf gegen einen Hunter halten Ellie und Joel zusammen. Wird das in The Last of Us 2 auch noch so sein? © Naughty Dog

Eigentlich ist es mit Videospielen wie mit Menschen. Die Menschen, an die wir uns auch nach vielen Jahren noch gern erinnern oder mit denen wir uns gern regelmäßig umgeben, sind Menschen mit Persönlichkeit.

Sie haben Ecken und Kanten, aber vor allem auch Geschichte. Oftmals teilen wir diese Geschichte mit ihnen und deswegen vergessen wir sie auch nicht. Genauso ist es mit Spielen wie The Last of Us. Wir vergessen sie nicht, weil sie durch ihre Geschichte einen tiefen Eindruck hinterlassen haben.

Gute Spiele sind ganz klar eine Frage des Charakters.

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Benjamin Danneberg

Benjamin Danneberg

Hat die komplette Baldur's Gate-Saga sieben Mal durchgespielt. Life is Strange-Fanboy, Factorio-Addict, Freizeit-Witcher, Star Citizen-Träumer. Will alles wissen, aber nicht alles essen. Bezieht Stellung gegen Extremismus.
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