Michael Ammon im Interview

Ghetto Royal: Freiheit kommt nicht vom Jammern

Die Mitglieder dern Band Ghetto Royal posieren vor der Kamera

Für „Ghetto Royal“ zählt die Gegenwart – was gestern war, ist heute egal. Mit neuer Besetzung und neuen Songs bewegt sich die Passauer Band auf Achilles-Fersen in Richtung Debüt-Album. Songwriter und Frontmann Michael Ammon spricht im Interview mit S4G über dreckiges Songwriting, traurige Zustände in der Musikindustrie und wie es sich anfühlt, auf der Bühne zu stehen.


  • S4G: Wann hat dich Musik zum ersten Mal angefixt?

Michael Ammon: Meine erste CD war die „Tourism“ von Roxette. Catchy as fuck, inspirierend und bis heute cool. Damals wurde mir klar: Ich will Songs schreiben! Ich merkte, dass ich mit ein paar Worten und einer Melodie meine eigene Welt erschaffen kann.

  • S4G: Wer inspiriert dich heute?

Michael Ammon: Da gibt es einige Künstler aus den unterschiedlichsten Genres und Epochen. Manchmal sind es auch einfach nur einzelne Songs, die mich plötzlich so flashen, dass ich mich instant hinsetzen und an etwas Neuem schreiben muss.

Aktuell und im Rockbereich finde ich Frank Carter & The Rattlesnakes fresh. Geile Stimme, dreckiger Sound und live auf einem Level, das nur wenige erreichen.

Aber natürlich beeinflussen einen immer auch die Bands, mit denen man aufgewachsen ist. Nirvana, Hole, Distillers, Muse, Manson.

Ghetto Royal: Dreckig und pompös

  • S4G: Wie entsteht ein Ghetto Royal Song?

Michael Ammon: Meistens schreibe ich zu Hause oder im Studio an einem neuen Song. Sobald ich ihn für geil genug halte, nehme ich ihn mit in die Proben und wir arbeiten an weiteren Ideen, Riffs oder zusätzlichen Parts.



Wir nehmen die Songideen mittlerweile schon früh im Studio auf und arbeiten dort daran weiter. An den Aufnahmen merken wir, ob es an Hooks fehlt und arbeiten an den einzelnen Parts. Wir beobachten, in welche Richtung sich der Song entwickelt, feilen an Harmonien, checken, wie viel Punch und Härte es braucht und woran ich textlich noch feilen will.

  • S4G: Worüber schreibst du?

Michael Ammon: Zwischenmenschliche Beziehungen, die Welt, in der wir uns bewegen und über eigene Dämonen & Abgründe. Geschichten, die das Leben schreibt, mit oder ohne Happy End. Mal verständlich, mal abstrakt.

Wir verstehen uns nicht als politische Band, aber ich schreibe natürlich auch über sozialkritische Themen, die mich bewegen und setze mich aus diesem Grund auch verstärkt für Tier- und Menschenrechte ein.

  • S4G: Wie klingt Ghetto Royal?

Michael Ammon: Dreckig und pompös (lacht). Große Hooks mit etwas Punk. Fuzzige Riffs und poppige Parts. Straighter Rock mit bösen Überraschungen. In der einen Hand Glitzer, in der anderen Dreck. Und alles wird an die weiße Wand geballert.

Ich lege mich ungern auf Sounds oder Genres fest. Ich will auch in Zukunft den Mut haben, Gegensätze zu vereinen und es am Ende trotzdem schaffen, alle Facetten unter einen Hut zu kriegen.

  • S4G: Wann kommt euer Debüt-Album?

Michael Ammon: Das Album ist soweit fertig, die letzten Songs sind noch beim Mastering. Am 28. September ist dann endlich Release-Tag. Bis dahin haben wir aber noch zwei Single-Veröffentlichungen geplant.

Michael Ammon: Emotional zerborsten, unwohl und nackt

  • S4G: Was fühlt Michael Ammon auf der Bühne?

Michael Ammon: Die meisten Künstler sagen immer, wie sehr sie es lieben zu performen und wie toll der Kontakt mit den Fans ist, und noch irgendwas mit Energie und Freiheit. Das trifft auch bei mir grundsätzlich alles völlig zu (lacht).  



Es gibt aber auch Momente, in denen ich mich emotional völlig zerborsten, unwohl und nackt fühle. Fakt ist, dass nach Konzerten oder Festivals immer Leute auf uns zu kommen, die uns zu hundert Prozent fühlen.

Das ist das schönste Kompliment, das man kriegen kann und auch das, was wir in erster Linie erreichen wollen. Wenn man es noch schafft, gewisse Leute aus der Komfortzone zu holen, fühlt es sich sogar noch besser an.

  • S4G: Wie lief der erste Ghetto Royal Gig?

Michael Ammon: Soweit ich mich erinnern kann, hab ich uns bei einer der letzten Michael-Ammon-Solo-Shows, schon als GHETTO ROYAL angekündigt. Dreiviertel des Sets bestand da bereits aus neuem Material und es war an der Zeit das richtig zu labeln.

Somit war unser erster Auftritt dann auch gleich vor ein paar tausend Leuten auf einem Christopher Street Day. Die Organisation, Hotel, Backstage, Catering war absolut top und vom feinsten. Wir haben auch gut performt, trotz übelster Hitze, schmerzendem Weisheitszahn und dementsprechender Ibuprofen-Dosis (lacht).

Mit Streaming in den Neunzigern würde heute niemand Kurt Cobain kennen

  • S4G: Was siehst du, wenn du einen Blick auf das gegenwärtige Musik-Business wirfst?

Michael Ammon: Ich sehe seit Jahren ein riesiges Ungleichgewicht. Rock oder selbst Pop, der nicht nach Schema F funktioniert, hat wenig Chancen, Gehör zu finden und entdeckt zu werden. Das liegt zum einen an Labels und Streamingdiensten, zum anderen an Redaktionen, die sich eben nach den IST-Zahlen richten.



Somit wird alles, was funktioniert, kopiert und in den Markt gepusht. TV, Radio und Co. orientieren sich dann an diesen Streaming-Zahlen. Da muss sowohl die Politik Rahmenbedingungen schaffen, als auch bei den Streaming-Diensten der Verteilungsschlüssel geändert werden. Sonst schaffen es viele Künstler nie an die Oberfläche.

Ums auf den Punkt zu bringen: Wär das schon so in den Neunzigern gewesen, würde man heute keinen Kurt Cobain kennen. Niemand aus dem Business hätte diese Bands und Künstler etabliert und einer großen Masse zugängig gemacht.

Früher haben die Leute eben zehn Euro für ein Album ausgegeben und es war egal, wie oft sie die CD angehört haben. Die jeweiligen Künstler waren trotzdem gleich gewichtet. Wenn heutzutage junge Cloudrap-Streaming-Armeen die Lieder auf „mute“ nach oben klicken oder ein Clan-Label den jeweiligen Künstler nach oben kauft, haben wir ein Riesenproblem.

Dadurch generieren sie künstliche Reichweite für sich, drücken aber alles andere unter Wasser. Das funktioniert, weil sich eben alle nur noch an den Streamingzahlen orientieren. Künstlerische Vielfalt, die es eigentlich in Hülle und Fülle gäbe, geht dadurch nach und nach verloren.

Erfolg ist Ansichtssache

  • S4G: Was braucht eine Band heutzutage, um erfolgreich zu werden?

Michael Ammon: Erfolg ist immer Ansichtssache. Man muss nicht zwingend bei einem Label sein, um vor 5.000 oder 10.000 Leuten spielen zu können. Ich glaube fest daran, dass man besser und vor allem glücklicher vorwärtskommt, wenn man mit dem „richtigen“ Menschen zusammen kommt. Die Person, die deine Kunst feiert, pusht und dich so präsentiert, dass du dich selbst noch erkennst.


Die Mitglieder der Band Ghetto Royal blicken in verschiedene Richtungen
Ghetto Royal planen den Release ihres Debüt-Albums noch in diesem Jahr. © Ghetto Royal

Wenn du Mainstream-Erfolg meinst: Kontakte, Geld, Durchhaltevermögen, Marketing, viel Geduld und noch mehr Glück. Bestenfalls steht über all dem dann noch deine künstlerische Vision.

  • S4G: Wie stehst du zur lokalen Musikszene?

Michael Ammon: Ich supporte alles, was ich fresh, authentisch und geil finde. Da ist es mir gleich, ob jemand aus Berlin oder Passau kommt. Hier und da bekomm ich einen Geheimtipp, den ich dann auschecke. Ich muss aber auch gestehen, dass ich vor allem während des Studioprozesses oft sehr in meiner Bubble lebe und oft auf Altbewährtes zurückgreife.

  • S4G: Das geht raus an die Welt…

Michael Ammon: Seid keine Arschlöcher. Informiert euch auch außerhalb eurer Bubble und werdet der Mensch, den ihr im Spiegel ehrlich und ohne Entsetzen anschauen könnt. Engagiert euch und setzt euch gegen Ungerechtigkeiten wie Tier- und Menschenausbeutung, sowie Diskriminierung jeglicher Form ein. Es gibt viel zu tun und keine der Freiheiten, die wir leben und genießen können, kommt vom Nichtstun und Jammern.

Nebenbei einen guten Song hören – dann wird alles gut!


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Josef Erl

Josef Erl

Mit Monkey Island vorm AMIGA 500 aufgewachsen. Geheime Superkraft: Schafft es, sich in jedem Videospiel mindestens einmal zu verlaufen - auch in Pong.
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