Bekehrt auch Shooter-Hasser

The Division 2: (M)eine Liebeserklärung

Kommentar
Agent Kelso, Agent Liao und Aaron Keener posieren vor der Kulisse von New York.

Gloria erklärt, warum sie als Nicht-Shooter-Spielerin trotzdem viel Gefallen an The Division 2 gefunden hat. Vielleicht ist der Loot-Shooter dank seiner Mechaniken auch was für euch?

Eigentlich bin ich kein Shooter-Fan. So gar nicht. Es kam mir bislang immer maximal uninteressant vor, sich meist begleitet von minimaler Story durch irgendeine Spielwelt zu pflügen und massenhaft Gegner umzulatzen. Mein Genres sind normalerweise Rollenspiele wie Pathfinder: Kingmaker, Adventures, Aufbau-Strategie oder entspannte Spiele wie Die Sims 4 – also alles, was sich halbwegs friedlich oder doch zumindest nicht ausschließlich kampfkonzentriert spielen lässt. Spiele mit einer tiefgreifenden Story, mit abwechslungsreichen Charakteren oder einfach einem interessanten Ansatz.

Gerade Indie-Spiele liebe ich besonders, weil deren Entwickler sich viel mehr trauen als die Teams hinter AAA-Titeln. Kurz: Ich bin normalerweise nicht die Zielgruppe für alles, was irgendwie nach Shooter aussieht.

Darum geht’s in „The Division 2“

Dann kam The Division 2. Die Story ist schnell erklärt: Als Teil einer Bürgermiliz namens „Stratetic Homeland Division“ – kurz Division – spielen wir einen aktivierten Division-Agenten mit ziviler Vorgeschichte. Nach einem kurzen Tutorial reist unser Charakter nur mit seinem Wissen um die Benutzung technischer Gadgets, einer Pistole und einem Sturmgewehr bewaffnet nach Washington D.C., um in dieser nach einer verheerenden Epidemie zerstörten Stadt für Ordnung zu sorgen. 

Eine Division-Agentin steht in einer wieder aufgebauten Siedlung.
Dank unseres Tuns werden die Siedlungen in Washington langsam wieder aufgebaut. © Ubisoft

Die verbliebenen Bewohner versuchen verzweifelt, sich eine neue Existenz aufzubauen, während ihnen sehr unterschiedlich gestrickte kriminelle Banden unter dem Kommando von Warlord-ähnlichen Anführern das Leben schwer machen. Der Job der Spieler besteht darin, den unterschiedlichen Fraktionen samt Chef den Garaus zu machen. Daneben bauen wir die wenigen Siedlungen Überlebender in der Stadt durch unseren Storyfortschritt wieder auf. Im DLC „Warlords of New York“ wird die Story schließlich fortgeführt und lässt uns auf einen Erzfeind der Division treffen.

Wir sind also die Guten, aber unsere Mittel sind radikal: Neben einem breiten Arsenal Knarren sprenge ich mich mit Clusterminen durch Feinde, schicke eine Flammenwerfer-Drohne in gegnerische Stellungen, nehme Bösewichte mit einem tragbaren Minigeschütz unter Sperrfeuer, spritze mit einem Chemikalienwerfer entflammbare Flüssigkeit herum und so weiter. Ein Division-Agent ist im Grunde das letzte verbliebene Ordnungsmittel, wenn alle anderen Möglichkeiten wie Armee, Regierung und Ordnungskräfte versagt haben. Warum in den USA derart chaotische Zustände herrschen, finden wir im Lauf des Storyfortschritts häppchenweise heraus.

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Ohne richtige Taktik läuft gar nichts

Warum aber packt mich „The Division 2“ trotz Shooterabneigung? Das Geniale ist zum einen das abwechslungsreiche Gunplay: Selbst ich als Nicht-Shooter-Fan habe einige Waffentypen gefunden, mit denen ich sehr gut zurecht komme und die in den meisten Situationen hilfreich sind. Viel entscheidender sind aber das implementierte Deckungssystem und die durch Gadets und Deckung entstehenden, taktischen Möglichkeiten. Es gibt für jede Situation irgendeine Lösung, vor allem, wenn man in der Gruppe unterwegs ist.

Eine Division-Agentin kauert im Vordergrund hinter Kisten, während anstürmende Gegner im Hintergrund von einer ihrer Fähigkeiten erfasst werden.
Anstürmenden Gegnern lasse ich in The Division 2 meine Clusterminen entgegen rollen – ein explosives Vergnügen! © Ubisoft

So hechte ich unter Beschuss von Deckung zu Deckung, kauere hinter ausgebrannten Autos, Kisten und halb zerstörten Möbelstücken, um in eine bessere Position zu kommen. In der gegnerischen Feuerpause gebe ich ihnen doppelt und dreifach dank meiner genialen Gadgets zurück, womit sie mich zuvor genervt haben – raus mit den Clusterminen, Geschütz aufgestellt und Rambazamba! Meine bessere Hälfte schießt dank Scharfschützengewehr wirklich gefährliche Gegner schnell zu Klump, zwei weitere Freunde kümmern sich entweder darum, dass niemand aus der Gruppe schlapp macht oder zersieben anstürmende Nahkämpfer mit schweren Waffen und hoher Schusskadenz. 

Brechen trotzdem noch Gegner durch unsere Verteidigungslinie, schnappe ich mir meine dicke Schrotflinte und RÖMMS RÖMMS RÖMMS, drei Schuss, ein Problem weniger. Es macht mir überraschenderweise Riesenspaß, als Teil eines Teams Taktiken zu ersinnen und danach auszuprobieren, ob unsere Idee tatsächlich funktioniert. Der während des Hauptspiels langsam ansteigende Schwierigkeitsgrad hat uns nie vor unmögliche Herausforderungen gestellt, sondern immer wieder zum Umdenken und einer genauen Beobachtung der Gegner und ihrer vielfältigen Fähigkeiten gezwungen.

Eine Division-Agentin steht vor einem Tiefsee-Aquarium, in dem riesige Quallen zu sehen sind.
Einzigartige Momente erlebt ihr in Museen oder Sehenswürdigkeiten: Hier sind wir im Zoo von Washington unterwegs. © Ubisoft

Nach Erreichen des Endgame im Hauptspiel galt es, eine Invasion krimineller Söldner zurückzuschlagen, die ihrerseits ein Stück vom Kuchen in der amerikanischen Hauptstadt abhaben wollten. Das erhöhte wegen der deutlich taktischer vorgehenden Gegnern den Anspruch der Kämpfe und an unsere Taktik nochmal ein gutes Stück.

Das Prinzip von Beobachtung und Anpassung setzt sich auch im ersten großen Addon Warlords of New York fort, in dem es dem abtrünnigen Division-Agenten Aaron Keener aus dem ersten „The Division“ und seinen Unterschergen ans Leder ging. Mit steigender Erfahrung und Gewöhnung an den Spielstil der anderen brauchen wir im Team auch immer weniger Ansagen: Jeder weiss, was die anderen in den verschiedenen Situationen tun würden und reagiert darauf angepasst.

Fairer Schwierigkeitsgrad, herausfordernde Gegner

Die tollen Gadgets, die wir Division-Agenten mitschleppen, haben unsere Gegner spätestens im Endgame blöderweise auch! Ergänzt durch nervige kleine ferngesteuerte Autos, die von irgendeinem feindlichen Gangmitglied hinter unsere Deckung gefahren werden und dort explodieren. Oder gleich ein fetter Kampf-Robohund, der unserem Team dank aufmontiertem Geschütz die Hölle heiß macht. Von den fiesen neu erfundenen Gadgets der ebenfalls abtrünnigen Spießgesellen von Aaron Keener will ich gar nicht erst anfangen!

The Division 2 lässt uns nach wie vor bockschwere Kämpfe durchstehen und belohnt durch kleine, aber stetige Fortschritte. Und die Kämpfe – ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas jemals schreiben würde – machen einfach eine Menge Spaß. Nicht nur dann, wenn uns ein Glückstreffer auf die Granatentasche eines Gegners gelingt und wir statt einer Granate gleich den explodierenden Gegner aus dessen Deckung herausfliegen sehen! Beim Zusammenspiel verschiedener Waffentypen zeigt The Division 2 echte Stärken, dazu kommt noch das dynamische Wettersystem, das uns tatsächlich Vorteile und Nachteile gewährt. Ist es neblig oder regnet es in Strömen, ist unsere Sicht mehr als bescheiden – die unserer Gegner aber auch, meist sogar schlechter als unsere, da wir durch Gadgets Feind-Positionen herausfinden können.

Ein Vier-Agenten-Team steht vor dem als riesigem Skelettschädel geformten Eingang einer Vergnügungspark-Geisterbahn.
Im Vergnügungspark von Coney Island steht uns auch ein Besuch in der Geisterbahn bevor. © Ubisoft

Bei einem Sandsturm sieht man tatsächlich fast die Hand vor Augen nicht, gleichzeitig können wir aber nahezu unter der Nase der Gegner an denen vorbeischleichen, ohne dass sie uns bemerken. Ein so faires System habe ich bislang noch nie in dieser Form erlebt, da in anderen Spielen die meisten Gegner über eine übermenschliche Wahrnehmung potentieller Gefahren verfügen und mich schon wittern, wenn ich gegen den Wind aus fünf Kilometern Entfernung anschleiche. 

Erkundungsfreude und Sammelwut

Aber nicht genug, die Locations sind dermaßen detailliert und abwechslungsreich gestaltet, dass wir beim Erobern eines Museums oft einfach mal stehen geblieben sind, um die Begleittexte der einzelnen Ausstellungsräume durchzulesen, bevor es zum nächsten Showdown mit den Gegnern ging. Mein Geheimtipp für Detailverliebte ist die Grundspiel-Mission im American History Museum, in dessen Vietnamkrieg-Abteilung wir vor der Kulisse eines Hubschraubers mit einer Minigun Schneisen in anstürmenden Gegnermengen fräsen.

Natürlich untermalt mit Sounds, die direkt aus einem entsprechenden Film stammen könnten – da kommt echtes Apocalypse-Now-Feeling auf, und das nicht im negativen Sinn! Dank der vielen auffindbaren Aufzeichnungen, Graffittis und der Szenengestaltung mit Erinnerungsschreinen und hinterlassenen Gegenständen ehemaliger Bewohner, kommt für mich auch ohne eine herausragende Hauptstory viel Immersion auf.

Schaut euch auf der Suche nach besonderen Orten unbedingt auch das Pentagon, den Coney Island-Vergnügungspark, den Zoo von Washington und generell die Innenstadt von New York mit ihren vielen vertikalen Wegen an. Die Missionen sind abwechslungsreich und trotz vorhersehbarer Gestaltung nie langweilig. Letztendlich ballert man sich zwar in jeder Mission durch ein Areal und nietet am Ende einen Boss um. Der Weg bis zum Endboss aber ist bei allen The Division 2-Missionen entscheidend, da zwischen Betreten und Verlassen der Questgegend höchst unterschiedliche Anforderungen warten.

Drei Agenten liefern sich in einer aus rot und blau beleuchteten Boxen geformten Umgebung einen Schusswechsel mit Gegnern.
Im Untergrund von Washington D.C. liefern wir uns in bunter Umgebung einen Schusswechsel. © Ubisoft

Der kleine Inventar-Messi in mir wird bei The Division 2 durch die Unmengen an Kisten, Taschen, Rucksäcken, Schubladen und anderen Behältnissen glücklich, in denen ich nach Beute wühlen darf. Nicht umsonst gelte ich inzwischen als Loot-Trüffelschwein, weil ich dank meines inneren Schnäppchen-Radars auch noch die letzte Kiste aufstöbere, an der meine Teammitglieder sonst achtlos vorbeilatschen. Nur das Inventar dürfte schon ein bisschen größer sein.

Dass ich inzwischen mindestens zwei Mal pro Spielabend dank der Lootfülle in irgendeiner Siedlung stehe und Unmengen an Zeug aussortieren muss, nervt schon etwas. Schließlich muss ich herausfinden, was ich an Waffen und Rüstung nicht brauchen kann, damit mir wirklich nützliche, bessere Ausrüstung nicht entgeht. Da wäre weniger definitiv mehr – aber das ist Jammern auf hohem Niveau.

Casual-Spieler sind klar im Vorteil

Vielleicht wird mir das Ganze irgendwann langweilig, wenn wir jeden Kontrollpunkt zum hundertsten Mal erobert, jede Kiste ungefähr tausend Mal geöffnet und jede wichtige Mission mehrfach gespielt haben. Vielleicht bin ich aber auch weniger anfällige für Langeweile als andere Spieler, da ich höchstens einmal pro Woche nach Washington oder New York aufbreche und mir vorhandene Spielinhalte deswegen länger ausreichen.

Jedenfalls erfreue ich mich noch immer am Gruppenspiel, an der Taktik, neuen kostenlosen Inhalten oder dem ersten DLC und habe Spaß an der Tatsache, dass sich für jeden Spielertyp passende Waffen und sinnvolle Gadgets finden lassen. Und irgendwann haben wir bestimmt auch Washington und New York vollständig gerettet!

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Gloria H. Manderfeld

Gloria H. Manderfeld

Streunt seit über zwanzig Jahren durch virtuelle Welten und würde sowohl ein Lichtschwert als auch einen Zauberstab und einen Replikator benutzen, gäbe es derlei im realen Leben. Vollzeit-Nerd und Freizeit-Rollenspielerin.
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