Audio, Video, KI-Assistent und Head-up-Display in einer Brille: Die Rokid Glasses versprechen viel. Mein Langzeittest verrät euch, wie gut die KI-Brille im Alltag funktioniert.
Die Rokid Glasses wollen vieles sein: KI-Assistent, Kamera, Kopfhörer und Navigationshilfe – verpackt in einer Brille, die man tatsächlich tragen kann, ohne aufzufallen. Ich habe sie vier Monate lang in meinen Alltag integriert und festgestellt, dass ihre Stärke nicht in einzelnen Disziplinen liegt, sondern im Zusammenspiel sämtlicher Funktionen.
Was die Rokid Glasses besonders macht
Im Kern handelt es sich um eine vergleichsweise leichte KI-Brille mit 49 Gramm, integrierten Lautsprechern, Kamera, Mikrofonen und einem Display direkt im Sichtfeld. Der entscheidende Vorteil: Die Brille wirkt nicht wie ein klobiges Tech-Gadget, sondern eher wie eine normale Sehhilfe, wodurch sie überhaupt erst alltagstauglich wird.

Die Ausstattung umfasst unter anderem:
- ein Micro-LED-Display mit Waveguide-Technologie (23-Grad-Sichtfeld, bis zu 1.500 Nits Helligkeit)
- ein 4-Mikrofon-Array mit Geräuschunterdrückung
- offene Lautsprecher
- eine 12-Megapixel-Kamera für Fotos und Videos (f2,25, Auflösung 3.024 x 4.032)
- KI-Funktionen inklusive Sprachsteuerung
Um sämtliche Features nutzen zu können, müssen die Rokid Glasses per Bluetooth mit einer Smartphone-App verbunden sein.
Produktdetails laut Hersteller
Informationen direkt im Sichtfeld
Das auffälligste Feature ist das grüne, monochrome, auf beiden Augen sichtbare Display, das Informationen wie ein Head-up-Display direkt vor den Augen einblendet. Was? Keine Farbdarstellung, fragt ihr euch? Ganz ruhig. Was erstmal altmodisch klingt, hat in der Praxis klare Vorteile: Die Rokid Glasses sind auf die Aufbereitung von Informationen spezialisiert, nicht auf die Medienwiedergabe wie etwa die Viture Luma. Navigationssymbole und Texte werden durch den kräftigen Farbton, der sich meist deutlich von der Umgebung abhebt, einwandfrei lesbar. Nur vor sehr hellen Hintergründen wird es problematisch.

Besonders die Navigation hat mich beeindruckt: Wegbeschreibungen oder Karten direkt im Sichtfeld sorgen dafür, dass ich beim Spazieren durch eine fremde Stadt nicht ständig auf das Smartphone glotzen muss, sondern die Umgebung aufsaugen kann und trotzdem mein Ziel erreiche. Das fühlt sich nicht wie ein Gimmick an, sondern liefert echten Mehrwert.
Allerdings hat das Konzept auch Nachteile: Längere Texte können Teile der realen Umgebung verdecken, die man eigentlich gerade sehen will. Hier zeigt sich, dass die Software noch nicht immer optimal entscheidet, wann es Sinn ergibt, Informationen einzublenden, und wann die Audiowiedergabe die praktischere Lösung ist.
Außerdem schimmert das grüne Display bei bestimmten Betrachtungswinkeln durch die Gläser, was bei Außenstehenden für Irritationen sorgen könnte. Wer die KI-Brille übrigens als Sehhilfe nutzen möchte, muss magnetische Sehstärkelinsen direkt bei Rokid mitbestellen. Ein einfacher Gang zum Optiker funktioniert wegen der Waveguides nicht.
Die KI in der Brille
Der größte Vorteil gegenüber den meisten Konkurrenzprodukten ist die freie Wahl des KI‑Modells. Über die Begleit-App könnt ihr entscheiden, ob ihr als Basismodell oder visuelles Modell etwa lieber Googles Gemini oder OpenAIs ChatGPT nutzen möchtet. Natürlich habt ihr dann auch Zugriff auf deren Funktionen.
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Aktiviert wird der KI-Assistent übrigens per Sprachbefehl („Hey Rokid“) oder über zuweisbare Shortcuts, die ihr per Wischgeste am Touchpad des Brillengestells auslöst. Diesen könnt ihr beispielsweise eine Analyse des Sichtfelds oder die Schnellübersetzung eines Textes auf Englisch zuweisen.
Für mich zeigte sich die KI-Nutzung über die smarte Brille immer dann als wertvoll, wenn es um die Verarbeitung von visuellen Informationen geht – sie also Antworten auf Fragen wie „Was sehe ich gerade vor mir?“ liefert oder Texte in meinem Sichtfeld direkt übersetzt. Natürlich könnt ihr auch einfache Fragen zu Rezepten, dem Futter für euer Haustier oder der Lebensphilosophie von Einsiedlerkrebsen auf den griechischen Antillen stellen. Alles kann, nichts muss.
Audio, Kamera und das Problemkind Akku
Als Kopfhörer-Ersatz taugen die Rokid Glasses nur bedingt. Die offenen Lautsprecher liefern ordentlichen Klang und sind im Alltag praktisch, weil Umgebungsgeräusche weiterhin hörbar bleiben. In lauten Umgebungen stoßen sie jedoch wie alle offenen Lautsprecher schnell an ihre Grenzen und können sich kaum noch durchsetzen. Zum Musikhören unterwegs würde ich deshalb nicht auf gute In-Ears oder Headsets verzichten wollen.

Ähnlich sieht es bei der Kamera aus. Die Möglichkeit, spontan Fotos oder Videos aus der eigenen Perspektive aufzunehmen, ist ein klarer Vorteil. Ich muss nicht erst das Smartphone aus der Hosentasche ziehen und fange den Moment dadurch deutlich schneller ein. In puncto Bildqualität erreichen die Rokid Glasses aber nicht das Niveau moderner Smartphones.
Dafür punktet die Brille mit Flexibilität: Aufnahmen sind im Hoch- oder Querformat möglich und Videos können bis zu zehn Minuten dauern. Mit diesen Features ist die Rokid aktuell konkurrenzlos, da die meisten anderen Hersteller den Funktionsumfang zugunsten der Akkuleistung von vornherein beschränken. Bei den Rokid Glasses habt ihr wenigstens eine Wahl.
Die Steuerung der Kamera funktioniert entweder per Sprachbefehl oder über einen kleinen Knopf am rechten Bügel. Drückt ihr den, macht die Brille ein Foto, haltet ihr ihn gedrückt, startet die Videoaufzeichnung. Beide Modi werden von einem aufleuchtenden LED‑Lämpchen im Rahmen der Brille begleitet.
Ein zentraler Schwachpunkt der Rokid Glasses ist allerdings der Akku. Mit 210 mAh fällt er sehr klein aus und geht bei intensiver Nutzung, etwa mit aktiver Navigation und Display, schon nach etwa 1,5 bis 2 Stunden in die Knie. Da es kein mitgeliefertes Ladecase wie bei den Meta Ray-Ban Smart Glasses gibt, ist das Laden unterwegs auch etwas umständlich.
Fazit: Spannendes Konzept mit klarer Zielgruppe
Die Rokid Glasses sind kein Produkt, das in einzelnen Kategorien glänzt. Sie sind weder die besten Kopfhörer noch die beste Kamera oder die ausgereifteste KI‑Lösung. Ihre Stärke liegt vielmehr in der Kombination dieser Funktionen in einem tragbaren und unauffälligen Format.
Wer nur einzelne Features sucht, findet günstigere und bessere Alternativen – Preise zwischen 539 und 629 Euro sind wahrlich kein Impulskauf. Wer jedoch ein Gerät möchte, das Navigation, KI-Assistent, Kamera und Audio in einem praktischen Wearable kombiniert, bekommt hier einen interessanten Vorgeschmack auf die Zukunft.
KI-Brillen wie die Rokid Glasses sind noch nicht perfekt und ob ihr sie wirklich unbedingt braucht und ob sie jemals das Smartphone ablösen werden, sei mal dahingestellt. Ich bin aber überzeugt, dass sie sich in den kommenden Jahren enorm weiterentwickeln werden und der Anfang einer neuen Geräteklasse sein könnten, die unseren Alltag langfristig verändert.
Ihr wollt mehr? Dann schaut euch gern auch mein ausführliches Testvideo mit reichlich Bildmaterial von meinen Erfahrungen mit den Rokid Glasses an:
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