Mehr als zwei Millionen verkaufte Exemplare in gut zwei Wochen und das ohne bekannte Marke im Rücken. Capcom hat mit Pragmata etwas geschafft, das in der heutigen Spieleindustrie fast schon unmöglich ist.
Pragmata überschritt innerhalb von zwei Tagen nach Veröffentlichung die Marke von einer Million Verkäufen und hat mittlerweile auch die Zwei-Millionen-Grenze geknackt. Sowohl Kritiker:innen als auch Spielende feiern Capcoms neue IP. Auf Steam liegt Pragmata bei über 90 Prozent positiven Stimmen, der Metascore steht auf 85 und 8,9. Ladies und Gentlemen – wir haben hier ein richtig gutes Spiel!
Die eigentliche Nachricht ist allerdings eine andere, eine viel wichtigere: Hier funktioniert gerade eine neue Marke, und zwar nicht als Nischenprojekt, sondern als kommerziell tragfähiges Produkt. Wer hätte das im Jahr 2026 noch gedacht?
Eine neue IP hat Erfolg? Das gibt’s ja nicht!
Pragmata ist kaum zu übersehen, denn der Erfolg basiert nicht nur auf reinen Verkaufszahlen, sondern auch auf inhaltlichen Entscheidungen. Den Entwicklern ist die perfekte Mischung aus sauberer Action, kleinen Rätseln sowie einer glaubhaften Beziehung zwischen zwei Figuren gelungen. Es greift nicht nur das Gameplay, sondern auch die narrative Bindung und deren Einflechtung in die Spielmechaniken. Capcom hat verstanden, was ein gutes Spiel ausmacht.
Dass dieses neue, unbekannte Spiel sofort gezündet hat, könnte auch an dem gleichzeitigen Release der Vorab-Demo auf mehreren Plattformen liegen. Dadurch konnten wir alle dieses etwas andere Spiel vor dem Kauf testen, egal ob auf Konsole oder PC. Eine clevere und immer noch viel zu selten genutzte Strategie, denn sie reduziert ein zentrales Problem neuer Marken: Unsicherheit. Wer nicht weiß, was ihn erwartet, kauft im Zweifel nicht.
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Die Budgets moderner AAA-Produktionen sind in den vergangenen Jahren so stark gestiegen, dass Publisher Risiken zunehmend meiden. Bekannte Reihen gelten als sichere Bank, neue Ideen eher als Wagnis. Deshalb gibt es auch mittlerweile schon fast von jedem halbwegs erfolgreichen Spiel der letzten 20 Jahre mindestens ein Remaster, wenn nicht gleich ein Remake.
Capcom selbst hat diesen Trend mit den teils hervorragenden Resident-Evil-Remakes (Küsschen gehen raus an Teil 4) ja sogar selbst angeheizt. Pragmatas Erfolg wirkt deshalb schon fast wie eine Rebellion gegen die eigene Vorsicht.
Das Fortsetzungsparadoxon
Trotz all der Freude über den Erfolg einer neuen IP erstrahlt meine Wiese nicht komplett in sattem Grün. Es ist ein bisschen so wie mit der Grunge-Band Nirvana in den 90ern oder der Netflix-Serie Squid Game. Kurt Cobain, Krist Novoselic und Dave Grohl sind angetreten, um dem Kommerz die Stirn zu bieten, und Hwang Dong-hyuk wollte ein Statement gegen das heutige Konsumverhalten und den Kapitalismus setzen. Beide gerieten schließlich unter die Räder der Maschine und wurden zu dem, was sie eigentlich anprangerten: der Cashcow von Konzernen.
Pragmata steht nun ebenfalls an diesem Kipppunkt, auch, wenn das eher die Sichtweise von Gaming-Idealisten wie mir sein dürfte, die seit Jahren mehr Mut zu Kreativität und neuen IPs fordern. Denn der Erfolg eben jener heraufbeschworenen neuen IP dürfte jetzt den Startpunkt einer neuen Reihe markieren und könnte dadurch die Tür für mögliche frische Konzepte wieder zuschlagen. Capcom hat sich diese Möglichkeit sehr bewusst offengehalten – ja, wahres Ende, ich meine dich. Damit würde auch Pragmata wieder zu dem, was uns jahrelang neue IPs im AAA-Segment verwehrt hat: einem Franchise.
Seis drum. Unterm Strich zeigt Pragmata trotzdem etwas, das in der aktuellen Spielelandschaft selten geworden ist: Neue Ideen können sich durchsetzen, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen – Qualität, eine kluge Veröffentlichungsstrategie und ein klarer Fokus auf das, was uns Spielerinnen und Spieler wirklich interessiert: Spielspaß. Vielleicht dreht sich die Industrie also doch noch nicht komplett im Kreis.
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