IO Interactive schickt James Bond zurück auf die Spielebühne und kombiniert Hitman-DNA mit inszenierten Action-Sequenzen. Ich erwarte nichts Geringeres als einen Action-Hit.
Ich bin ehrlich: Ich habe seit „Ein Quantum Trost“ keinen Bond-Film mit mehr als einem Auge gesehen. Früher war das anders. Als Kind und Jugendlicher habe ich mich tierisch auf jede Ausstrahlung eines 007-Klassikers gefreut. Doch irgendwie hat mich die Figur in den letzten Jahren komplett verloren. Ich kann nicht mal wirklich benennen, woran das liegt. Ich und James haben uns wohl einfach auseinandergelebt – bis IO Interactive überraschend mit einem neuen Bond-Spiel um die Ecke kam.
IOIs Präsentation von 007 First Light war eines meiner Highlights auf der letztjährigen Gamescom. Stilecht mit rotem Teppich und in einem kleinen Kinosaal stellten uns die Entwickler das Kerngameplay ihres Bondabenteuers vor und ich habe mein Popcorn schneller inhaliert als in sämtlichen Kinoblockbustern des Jahres. Mittlerweile stehen wir kurz vor dem Release und IO hat ausgewählten Pressevertretern und Content Creator:innen ein paar Stunden in eine Vorabversion schnuppern lassen. Der allgemeine Tenor: 007 First Light versteht, was die Marke ausmacht – Eleganz, Improvisation und kontrollierte Eskalation.
Gleichzeitig wagt das Studio einen Spagat zwischen offener Stealth-Struktur und stark geführten Set-Pieces. Genau dieser Hybrid-Ansatz prägt die Diskussionen und deckt sich mit meinen Erlebnissen auf der Gamescom. Schauen wir uns an, was euch im neuen Bond erwartet.
Ein zweigeteiltes Erlebnis
IO Interactive verfolgt bewusst eine doppelte Designlinie. 007 First Light besteht im Kern aus stärker gelenkten Abschnitten – vergleichbar mit linearen Action-Adventures – und offenen Kernmissionen mit mehreren Lösungswegen. Diese „Core“-Segmente könnt ihr am ehesten mit kompakten Sandbox-Arealen vergleichen, die ihr bereits aus der Hitman-Reihe kennt. Hier ist kreatives Vorgehen gefragt. Die Weitläufigkeit eines Hitman-Leveldesigns solltet ihr allerdings nicht erwarten.

Senior Combat Designer Tom Marchum erklärte in Interviews, man wolle das Beste aus beiden Welten vereinen. Während Agent 47 kühl und methodisch agiere, sei dieser Bond jünger, impulsiver und stets in Bewegung. Das zeigt sich auch spielerisch: mehr Dynamik, mehr Tempo, weniger statische Planung.
In der kürzlich gezeigten Preview-Version waren drei Einsätze spielbar: ein Prolog in Island, eine Trainingsmission im Mittelmeerraum und eine Gala-Infiltration in Kensington. Die Island-Sequenz dient als Einführung. Bond strandet nach einer gescheiterten Mission isoliert in einer feindlichen Umgebung. Das Areal wirkt zunächst linear, öffnet sich aber für alternative Routen.
Die Trainingsmission versetzt euch in die Rolle eines MI6-Anwärters. Ohne Schusswaffen müsst ihr Geiseln befreien, indem ihr Ablenkungen nutzt, Gegner umgeht oder lautlos ausschaltet. Als bisheriger Höhepunkt gilt fast einhellig die Gala in London. Hier greifen klassische Stealth-Optionen, soziale Täuschung und direkte Konfrontation ineinander.
„License to Kill“ wird zum Spielelement
Ein zentrales Element ist das „License to Kill“-System, das Bond zu Beginn einschränkt: Solange Gegner ihn nicht mit tödlicher Gewalt bedrohen, darf er keine Schusswaffe einsetzen. Erst wenn Feinde aktiv zur Waffe greifen, wechselt das Spiel in einen Zustand, der Schusswechsel erlaubt.

Das System zwingt euch also zunächst zu Täuschung, Nahkampf oder Umgebungsnutzung. Gewalt wird damit situativ freigeschaltet, statt jederzeit verfügbar zu sein. Auch Bonds Ausrüstung spielt eine zentrale Rolle. Ein Analyse-Tool hebt etwa interaktive Objekte hervor, ähnlich wie ein Scanner in anderen Actiontiteln. Hinzu kommen Gadgets wie ein Mini-Laser zum Öffnen von Schlössern, Rauchmodule oder Blendwerkzeuge.
Besonders spannend klingt für mich das Bluff-System. Ihr könnt euch als befugtes Personal ausgeben, solange die begrenzte Instinkt-Ressource ausreicht. Das erinnert an Hitmans „Enforcer“-Logik: Bestimmte Figuren durchschauen euch schneller als andere. Auch die Umgebung ist stark eingebunden. Ihr könnt beispielsweise eine Stromquelle manipulieren und Wasser verschütten, um einen Wachmann in eine elektrisch geladene Falle zu locken. Solche Kettenreaktionen zeigen die systemische Tiefe der Level.
Sorgenkind: Wie gut ist das Gunplay in 007 First Light?
Im direkten Gefecht setzt First Light auf ein Kontersystem, das an die Batman-Arkham-Reihe erinnert. Parieren, Ausweichen, Greifen und das Nutzen von Objekten als improvisierte Waffen gehören zum Repertoire. Bond wirkt beweglich und körperlich präsent.
Das große Fragezeichen steht hinter dem Gunplay, das IO Interactive in Hitman nie wirklich befriedigend umsetzen konnte. Glaubt man ersten Berichten, wird das auch in First Light ein Thema. Die Waffen sollen sich wenig druckvoll anfühlen. Auch von einem teils unpräzisen „Dash to cover“-System ist die Rede, das Bond ungewollt in riskante Positionen befördert. Gelobt wird hingegen das Trefferfeedback in intensiven Momenten. Hier gehen die Einschätzungen derzeit also noch weit auseinander.
Präsentation auf Blockbuster-Niveau
Optisch hat 007 First Light bei mir einen starken Eindruck hinterlassen. Die weiterentwickelte Glacier-Engine liefert detaillierte Umgebungen – von kargen Schneelandschaften bis zu prunkvollen Gala-Sälen. Wie IO bereits mitgeteilt hat, kommen auch NVIDIA-Techniken wie DLSS 4 mit Multi Frame Generation auf dem PC zum Einsatz.

Die Animationen wirken glaubhaft und Patrick Gibson verkörpert einen jüngeren Bond, der sein Charisma vor allem über seine mangelnde Reife und jugendliche Dynamik versprüht. Auch Musik und Sprachausgabe klingen im bisher gezeigten Material hervorragend.
Die Handlung: Ein unerfahrener Bond auf dem Weg zu 007
First Light ist das erste Bond-Spiel, das nicht auf einen erfahrenen Agenten setzt. Stattdessen baut IO Interactive auf einen 26-jährigen Rekruten, der erst zum Doppelnull-Agenten werden muss. Das Team griff bewusst auf Ian Flemings Romane zurück, statt Filmvorlagen zu kopieren. Zentrale Konflikte entstehen offenbar durch Bonds Mentorenfigur John Greenway sowie durch die Jagd auf einen abtrünnigen Agenten.

Diese Ausrichtung erlaubt IO auch eine eigenständige Interpretation ohne Bindung an bekannte Schauspieler – ein Punkt, den IO-CEO Hakan Abrak in Interviews als kreativen Vorteil beschreibt. Die Kampagne soll laut Entwicklerangaben rund 20 Stunden dauern. Für Komplettdurchläufe mit Sammelobjekten solltet ihr bis zu 40 Stunden einplanen. Dazu kommt ein „Tactical Simulator“-Modus, in dem ihr Missionen mit Modifikatoren wiederholen könnt, Erfahrungspunkte sammelt und euch auf Ranglisten verewigt. Ein Modus, der auf langfristige Inhalte schließen lässt.
Unsere Einschätzung zu 007 First Light
007 First Light könnte einer der größten Blockbuster des Spielejahres werden. Was wir bisher im Hinblick auf Inszenierung und Spieltiefe gesehen haben, weckt Lust auf mehr. Dennoch müssen wir abwarten, ob sämtliche Systeme stimmig ineinandergreifen und der neue Bond trotz seines jungen Alters nicht doch in zu konventionelle Steuerungs- und Gameplay-Muster verfällt.
Was uns gefällt:
- cineastische Inszenierung auf höchstem Niveau
- abwechslungsreiche Areale
- viele Möglichkeiten, um ein Ziel zu erreichen
- ein frisches Gesicht als 007
Darauf gilt es noch zu achten:
- Fahrphysik und Spielspaß in Abschnitten mit Auto, Boot und Co.
- Das Gunplay ist das Sorgenkind bei IOI-Spielen
- Greifen die Spielsysteme flüssig ineinander und bleiben bis zum Schluss spannend und abwechslungsreich?









