Erlich gesagt #1

Ich musste erst ans andere Ende der Welt fliegen, um wieder Spaß am Gaming zu haben

Kommentar
Mann mit Headset am Strand bei Sonnenuntergang hält Handheld-Konsole – Verbotssymbol steht für Digital Detox statt Gaming im Urlaub.

Zwei Wochen ohne Konsole, ohne Handy, ohne dieses nervöse „Nur noch eine Runde“ – und plötzlich fühlt sich Gaming nicht mehr wie ein Job an, sondern wie das, was es einmal war: ein verdammtes Abenteuer.

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In seiner Kolumne „Erlich gesagt“ schildert S4G-Chefredakteur Josef Erl seine aktuelle Gefühlslage rund um das Thema Gaming abseits von künstlich erzeugten Hypes und aufgebauschter PR – was bewegt wirklich, was macht echte Freude und was nervt tierisch? Heute: Mut zur Gaming-Pause.

Irgendwann im letzten Herbst erwischte ich mich bei einem absurden Gedanken: Ich startete ein neues Spiel und hoffte insgeheim, es möge schnell vorbei sein. Ich war müde. Müde vom Looten, vom Upgraden, vom Abarbeiten digitaler To-do-Listen. Was einmal Eskapismus war, fühlte sich an wie nicht enden wollender Schichtdienst bei der Umbrella Corporation.

Was ich erlebte, hat einen Namen. Fachleute sprechen von „Gaming Burnout“ (auch „Gaming Fatigue“) – einer Mischung aus geistiger Erschöpfung, emotionaler Leere und körperlicher Abnutzung. Studien aus dem E-Sport-Umfeld beschreiben Symptome, die eher nach überarbeiteten Angestellten klingen als nach Menschen mit Controller in der Hand: Dauererschöpfung, Gereiztheit, Leistungsabfall. Besonders perfide: Ausgerechnet die Titel, die mich früher nächtelang wachhielten, verloren ihren Reiz. Das Starten der Konsole wird Pflichtprogramm.

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Gaming Fatigue: Wenn Dopamin zur Dauerbeschallung wird

Die neurobiologische Erklärung ist so simpel wie unheimlich. Spiele feuern das Belohnungssystem im Gehirn an. Schafft ihr einen Boss, blinkt ein seltenes Item auf oder ploppt ein Erfolg auf, wird Dopamin ausgeschüttet – ein Botenstoff, der Motivation und Lust verstärkt. Passiert das ständig, gewöhnt sich das System daran.

Hytale Spielfigur mit Fackel und Werkbänken – Crafting-Guide Motiv mit Fokus auf Handwerk und Progression.
Ich musste erst wieder ein echtes Abenteuer erleben, um digitale wieder Abenteuer wertzuschätzen. © Hypixel Studios / S4G

Die Rezeptoren reagieren träger, normale Alltagsfreuden wirken plötzlich fad. Manche Mediziner sprechen in diesem Zusammenhang vom „Reward-Defizit-Syndrom“ – das Gehirn verlangt nach immer stärkeren Reizen, um noch etwas zu spüren.

Moderne Design-Tricks verschärfen das Problem. Battle Passes, tägliche Quests, limitierte Events – alles baut auf FOMO, der Angst, etwas zu verpassen. Aus Spiel wird Verpflichtung. Dazu kommt Schlafmangel: Bildschirmlicht am Abend hemmt die Melatonin-Produktion, also jenes Hormon, das euch müde macht. Weniger Schlaf bedeutet weniger Regeneration – ein Teufelskreis.

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Sri Lanka statt Skilltree

Also zog ich die Reißleine. Zwei Wochen Sri Lanka. Keine Playstation. Kein Smartphone. Kein Laptop. Keine „kurze“ News-Runde vor dem Einschlafen. Die ersten Tage waren unangenehm. Mein Kopf suchte nach Reizen wie ein Junkie nach dem nächsten Hit. Dieses phantomartige Gefühl, irgendetwas zu verpassen, nagte. Dann kippte es.

Studien der Georgetown University zeigen, dass bereits zwei Wochen mit deutlich reduzierter Bildschirmzeit Angst- und Depressionswerte senken und die Aufmerksamkeitsspanne messbar verbessern können. Genau das passierte. Nach drei, vier Tagen wurde mein Denken klarer. Nach einer Woche schlief ich tiefer als in den Monaten zuvor. Natur – Regenwald, Wasserfälle, salzige Meeresluft – wirkte wie ein Gegengift. Forschung belegt, dass Aufenthalte im Grünen Stresshormone senken und die psychische Widerstandskraft stärken. Ich kann bestätigen: Ein echter Dschungel braucht keinen Questmarker.

Natürlich heilt eine kurze Pause kein komplett überreiztes Belohnungssystem. Manche Untersuchungen gehen davon aus, dass eine vollständige „Dopamin-Rekalibrierung“ Monate dauern kann. Aber selbst diese zwei Wochen reichten, um mir etwas Entscheidendes zurückzubringen: Vorfreude.

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Spielen aus Lust, nicht aus Pflicht

Die University of Oxford legt nahe, dass die innere Haltung beim Spielen über das Wohlbefinden entscheidet. Wer bewusst spielt, aus Interesse statt aus Gewohnheit, berichtet von höherer Zufriedenheit. Eine Pause kann helfen, genau diese Frage zu beantworten: Warum drücke ich Start? Aus echter Neugier – oder aus Leerlauf im Kopf?

Jetzt, wo ich wieder zu Hause bin, warten mit Resident Evil 9, Crimson Desert und Life is Strange: Reunion gleich drei spannende Schwergewichte auf mich. Der Unterschied zu früher? Ich werde diese Spiele nicht starten, weil ich Angst habe, etwas zu verpassen. Sondern weil ich es will.

Gaming-Müdigkeit ist kein Mythos und schon gar keine Charakterschwäche. Sie ist eine logische Reaktion auf Dauerstimulation in einer Branche, die um Aufmerksamkeit kämpft wie ein Endboss um seine letzte Lebensleiste. Aber sie ist reversibel. Ich musste erst zwei Wochen lang keinen einzigen Bildschirm-Zombie sehen, um mich wieder auf sie zu freuen.

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Und vielleicht liegt genau darin der wahre Survival-Horror unserer Zeit: nicht in Monstern, sondern im Mut, den Bildschirm einfach mal auszuschalten. Kein Handy im Schlafzimmer. Keine Bildschirme kurz vor dem Zubettgehen. Benachrichtigungen aus. Feste Offline-Zeiten. Kleine Rituale ohne Display – Kaffee am Morgen, Essen ohne Scrollen. Klingt banal. Wirkt erstaunlich.

Ich wünsche euch eine angenehme Gaming-Woche und wertvolle Spielzeit ohne Stress. Nachfolgend findet ihr noch eine kurze Vorschau zu den kommenden Gaming-Highlights, die wir hier auf SPACE4GAMES in den nächsten Wochen redaktionell begleiten werden.

Liebe Grüße
Josef

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PS: Ich bin mir bewusst, dass meine Erfahrung nur ein kleiner Vorgeschmack auf einen „richtigen“ (Gaming) Burnout war. Geht es euch ähnlich, und ihr habt nicht mehr die Kraft, euch selbst aus dieser Situation zu befreien, sucht euch Hilfe – es lohnt sich.

Resident Evil 9, Crimson Desert, Life is Strange: Die Vorfreude ist zurück

Resident Evil Requiem

Capcom schickt mit Resident Evil Requiem den neunten Hauptteil der Reihe ins Rennen. Regisseur Koshi Nakanishi, der bereits Resident Evil 7 verantwortete, setzt dieses Mal auf ein doppeltes Protagonisten-Konzept.

Ihr wechselt zwischen Leon S. Kennedy – kampferprobt, aus der Schulterperspektive gespielt, bewaffnet mit Pistole, Schrotflinte und erstmals einer Axt als Nahkampfwerkzeug – und Grace Ashcroft, FBI-Analystin und Tochter einer Figur aus Outbreak.

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Ihre Abschnitte laufen in der Ego-Ansicht ab, mit knappen Ressourcen und Fokus auf Verstecken statt Dauerfeuer. Spannend: Kehrt ihr mit Leon in Areale zurück, die Grace zuvor durchquert hat, bleiben besiegte Gegner tot, geplünderte Items verschwunden. Das erzeugt strategische Verzahnung statt bloßem Perspektivwechsel.

Crimson Desert

Parallel dazu plant Pearl Abyss mit Crimson Desert ein wuchtiges Fantasy-Epos. Ihr begleitet Kliff, Anführer einer Söldnertruppe, deren Kameraden in einem Überfall fast ausgelöscht wurden.

Zwischen Rache, politischem Intrigenspiel und dem Wiederaufbau eures Lagers entfaltet sich eine offene Welt namens Pywel. Neben wuchtigen Kombos im Kampfsystem verspricht das Studio Camp-Management, Charakteranpassung und sogar Alltagsaktivitäten.

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Ich habe Crimson Desert bereits auf der Gamescom angespielt und war skeptisch. Framerate-Drops, überfrachtete Steuerung, unkoordinierte Kamera. Allerdings zeigte sich Pearl Abyss bei uns und vielen weiteren Testern sehr interessiert an Feedback und hat sich viel Zeit für Optimierungen genommen. Mittlerweile bin ich sehr neugierig, wie sich das fertige Erlebnis anfühlt.

Life is Strange: Reunion

Und dann ist da noch Life is Strange: Reunion. Der Abschluss der Max-und-Chloe-Geschichte, die mich schon im ersten Teil der Reihe sehr berührt hat und an die ich auch heute noch gern zurückdenke.

Nach den Ereignissen von Double Exposure taucht Chloe überraschend wieder in Max’ Leben auf, geplagt von Erinnerungen, die nicht existieren dürften. Max erhält ihre Zeitmanipulation zurück – inklusive der bitteren Erkenntnis, dass sich Konsequenzen nicht einfach wegradieren lassen.

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Neu ist die gleichberechtigte Doppelrolle: Beide Figuren sind spielbar und bringen eigene Perspektiven ein. Je nachdem, wie ihr euch damals entschieden habt, startet die Beziehung auf völlig unterschiedlichem Fundament. Ein drohender Flächenbrand über der Universität setzt dem Ganzen eine tickende Uhr auf.

Hinweis zum Titelbild: KI-generiert mit ChatGPT/DALL-E (OpenAI), basierend auf eigenen Fotos des Autors

Quellen und weiterführende Artikel

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Bild von Josef Erl

Josef Erl

Josef ist freier Online-Journalist und leitet die S4G-Redaktion. Er spielt alles, was ihn mit einer spannenden Story und innovativen Spielmechaniken fesselt. Als ehemaliger Redaktionsleiter von MIXED.de kennt er sich auch bestens in den Bereichen Virtual Reality, Augmented Reality & Mixed Reality aus.
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